Interview mit Cusch Jung

„Wo die Ausbildung aufhört, fängt die Einbildung an“

 

MF: Ich habe gelesen, dass Du bereits mit 12 Jahren im Film „Emil und die Detektive“ den Gustav gespielt hast. Wie kam es dazu?

 

Mit dem Theater selbst hatte ich eigentlich nichts zu tun. Aber als Kind hab ich Akkordeon in einem Orchester gespielt und an den Weihnachtsfeiern hab ich dann Heinz Ehrhardt parodiert. Da war ich 10 Jahre alt. Meine Eltern hatten die Platten von ihm und anderen Humoristen. Und Heinz Erhardt fand ich immer sehr lustig und hab mir Texte teilweise raus geschrieben und die dann abends, wenn der offizielle Teil der Weihnachtsfeiern zu Ende war, vorgetragen. Das waren so mit 10 meine ersten Gehversuche vor 500 Zuschauern in Kaiserslautern. Die fanden das natürlich lustig, dass da ein Zehnjähriger Heinz-Ehrhardt-Gedichte und so vorträgt.

 

Das heißt, Du wolltest als Kind  schon auf die Bühne.

 

Der auslösende Effekt war, dass mein Bruder in der Zeitung las, dass für „Emil und die Detektive“ Kinder als Detektive gesucht wurden. Wir sind dann zum Pfalztheater in Kaiserslautern, wo ich auch gewohnt habe, und man musste dort vorsprechen und ich dachte mir, machst Du ein bisschen Heinz Ehrhardt, das kannst Du am besten. Der Regisseur fand das sehr lustig und nahm mich zur Seite und meinte „Du spielst den Gustav“. Natürlich war ich stolz wie Bolle. Mein Bruder hat nur eine Statistenrolle bekommen. Der war natürlich sauer, denn der hatte es ja gelesen.

 

Von diesem Augenblick an war ich dem Theater natürlich verbunden. Die nächsten 6 Jahre war ich dort Schauspieler , hab mit Schauspielern zusammen gelebt und von denen natürlich viel gelernt. Und ich hatte damals das Glück, unter der Regie von Larry Fuller („On the Town“ und „Girl Grazy“ ) und Irene Mann („Silk Stockings“) spielen zu dürfen. 1976 hab ich mein erstes Musical gespielt „Anatevka“.

 

Das heißt, Du hast nicht wie die meisten anderen Darsteller eine Musicalschule besucht, sondern das ganze von der Pieke auf gelernt.

 

Na ja, ich hab natürlich schon hie und da meine Stunden genommen, Gesangs- und Tanzstunden, und lustigerweise habe ich jetzt, fast 30 Jahre später, „Anatevka“ inszeniert, genau wie „On the Town“, das ich 1977 gespielt habe und jetzt in Rostock inszeniert habe. So hab ich meine Ausbildung quasi am Theater genossen. Aber meine Ausbildung ist ja noch nicht zu Ende. Denn wo die Ausbildung aufhört, fängt die Einbildung an.

Da ich jeden Tag neu lerne, bin ich immer in der Ausbildung. Zum Beispiel wenn ich Regie führe, lerne ich auch mit den Kollegen zu arbeiten. Wenn man aufhört zu lernen, ist man fertig, und zwar fertig mit seiner Karriere.

MF: Bist Du der einzige, in Eurer Familie der auf der Bühne steht? Was ist aus Deinem Bruder geworden?

Ja, ich bin der einzige, der auf der Bühne steht. Ich hab noch 3 Brüder, die sind alle in anderen Berufen tätig, ganz unterschiedlichster Couleur. Aber meine Eltern haben mich unterstützt und sind auch immer zu allen Auftritten von mir gekommen. Doch nicht in dem Maße, wie das Eltern machen, die unbedingt wollen, dass ihr Kind auf die Bühne kommt und ein „Star“ wird. Die haben nur gesagt: das musst Du wissen! Wenn Du das willst, in Ordnung! Und das mach ich auch so mit meiner Tochter. Sie will ja auch Schauspielerin werden. Und sie hat schon mit 10 Jahren bei „Les Misérables“ mitgespielt. Und dann haben wir zusammen gespielt, als sie hierher kam zu „Les Misérables“. Und wenn sie das möchte, da kann ich ja nicht nein sagen.

 

So vielseitige Leute wie Du, findet man ja selten. Singen, Tanzen, Regie führen, Inszenieren, Schauspielen, Synchronisieren .... wie siehst Du Deine Zukunft.

 

Ich weigere mich auch, den Titel Musicaldarsteller anzunehmen. Ich spiele als Schauspieler in einem Musical. Ich kann auch Singen, ich kann auch Tanzen. Aber das muss ich nicht an die große Glocke hängen. Das sieht man, wenn ich es mache. Ob ich nun auf der Bühne stehe, oder inszeniere, Regie führe oder Fernsehrollen spiele ... das gehört zu meinem Berufsbild dazu.

 

Gibt es von all diesen Dingen etwas, was Du am liebsten machst?

 

Das Spielen liegt mir schon sehr am Herzen! Es kommt drauf an. Wenn es eine tolle Rolle ist, dann spiel ich die am liebsten, wie zum Beispiel den Billy Flynn in „Chicago“. Wenn es ein tolles Stück ist, dann inszeniere ich gerne, besonders, wenn ich gute Leute hab. Ich liebe es auch, Rochefort in „3 Musketiere“ zu spielen, obwohl das nicht so eine Herausforderung ist.

 

Was reizt Dich denn an der Rolle des „Rochefort“?

 

In Holland war er nur der Böse. Ich finde, der Reiz liegt darin, nicht nur böse zu sein, sondern eher zu zeigen, wie der arme Kerl immer wieder eins auf den Deckel bekommt, immer verletzt wird, und sich tierisch ärgert, dass eine Miady de Winter mehr vom Richelieu beachtet wird, als er, der eigentlich der zweite Mann hinter Richelieu war. Und da ich doch eine komödiantische Ader in mir habe, mag ich diese Rolle doch sehr. Mich hätte auch die Rolle des Richelieu gereizt, aber es ist klar, dass man dafür ein richtiges Zugpferd nimmt, dessen Name bekannter ist als meiner, ist auch klar. Obwohl mein Name auch nicht unbekannt in der Branche ist.

 

Ist das nicht überhaupt das Problem in der Musicalbranche: da gibt es so viele gute Darsteller, die sehr viel können und trotzdem namenlos sind.

 

Ich will nicht sagen, dass ich namenlos bin, aber ich stehe nicht unbedingt auf der Titelseite der entsprechenden Magazine. Und ich hatte auch nie im Leben einen Fanclub. Das war mir auch eigentlich immer egal. Aber vielen ist das wichtig, einen Fanclub zu haben. Meine Bestätigung bekomme ich durch die Zuschauer.

 

Es kann auch nicht jeder ein „Superstar“ sein. Heute ist doch jeder ein Superstar. Ich hab schon Probleme mit dem Wort „Künstler“ , weil mir das zu künstlich ist. Für mich ist ein Koch, der ein Essen für 1000 Leute vorbereiten muss, das dann auch noch schmecken soll, auch ein Künstler. Nur weil wir als Ausführende etwas kreativer sind. Aber wir denken uns doch nichts Neues aus. Alles was wir machen, war schon einmal da. Wir sind nur reproduzierende Darsteller, die ein Stück in einer anderen Zusammensetzung neu spielen. So verstehe ich das auf jeden Fall.

 

Das heißt nicht, dass ich diese Arbeit nicht schätze, ganz im Gegenteil. Aber man darf das nicht so wichtig nehmen. Es ist keine Krebsforschung; es wird niemand daran sterben. Die Leute werden nur unterhalten, und zwar auf möglichst hohem Niveau. Und das sollte man auch ernst nehmen. Es geht nicht nur darum, dass die Darsteller ihren Spaß haben und fertig. Denn wir haben das Privileg, einen Beruf auszuüben, den nicht jeder ausüben kann. Aber man darf nicht vergessen, dass da auch noch z.B. die Leute vom Orchester, vom Licht oder Ton sind usw. Ohne sie könnten wir nur im Wohnzimmer spielen. Das darf man nicht vergessen!

 

Aber natürlich steht der Schauspieler im Mittelpunkt. Den Techniker sieht halt niemand.

 

Natürlich steht der Schauspieler vorne dran. Gelernt hab ich meinen Beruf eigentlich durch Zufall. Jemanden nachmachen, schauen, wie macht er das, das ist noch einfach. Aber so findet man nie eine eigene Persönlichkeit. Im Laufe der Jahre wurde mir das immer wichtiger. Ich habe auch mit vielen großen Namen zusammengearbeitet: Leslie Caron, Hildegard Knef, Helen Schneider. Irgendwann hat mich dann auch interessiert, wie sind sie hinter der Bühne.

Verdienen sie den Namen, den sie tragen. Oder lassen die den Star raushängen. Es ist wichtig, nicht nur „Star“ sondern auch Mensch zu sein. Pia Douwes zum Beispiel, sie ist absolut bescheiden. Sie weiß was sie kann, sie geht aber nie damit hausieren. Oder auch Uwe Kröger. Es macht Spaß, mit solchen Kollegen zu arbeiten. Dass sie heute die Preise bekommen haben, hat mich sehr für die beiden gefreut.

 

Du bist schon ewig in Berlin. Fühlst Du Dich hier zuhause?

 

Ja absolut. Seit 1984 sind wir hier, meine Frau und ich. Wir gehörten im Theater des Westens 15 Jahre lang zum festen Ensemble. Das war eine ganz besondere Zeit, da ich unter der Regie von Helmut Baumann auch sehr viel gelernt habe, z.B. wie man mit Menschen umgeht, wie man nicht mit Menschen umgeht. Das versuch ich jetzt zu beherzigen, wenn ich selbst Regie führe. Ich möchte niemanden anbrüllen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, um meine Machtposition herauszukehren, sondern im Gegenteil. Ich möchte die Leute so behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte. Mit dem jeweiligen Respekt.

Respekt den man für einander empfindet. Respekt und Achtung vor der Leistung, was derjenige schon geleistet oder getan hat. Auch wenn er Anfänger ist, dann muss man auch das respektieren und kann ihn nicht niedermachen, wenn er die Leistung nicht so bringt, wie man es gerne möchte. Dafür ist er Anfänger.

 

Wann und was inszenierst Du wieder?

 

Ich habe gerade in St. Gallen Premiere gehabt mit „Anatevka“. Dort hab ich vorher schon „My fair Lady“ inszeniert und auch den Higgins gespielt. Das war eine besondere Erfahrung, gleichzeitig eine Hauptrolle zu spielen und zu inszenieren.

 

Steht man sich dabei nicht selbst im Weg.

 

Nein, aber man muss schon sehr gut vorbereitet sein. Ich hab dafür ein Jahr lang gearbeitet.

 

Wirst Du auch wieder in Tecklenburg etwas inszenieren?

 

In Tecklenburg hab ich „Kiss me Kate“ mit Dean Welteren und Jana Werner inszeniert. Mit Jana hab ich vor 10 Jahren schon Zeichentrickfilme synchronisiert. Das war damals die große Zeit. Wir haben zusammen alle 3 Teile „Schwanenprinzessin“ synchronisiert und auch „Däumeline“. Und dann hab ich in Tecklenburg ihren Mann kennengelernt, der auch ein toller Mensch und Darsteller ist.

 

Und wie hältst Du Dich fit. Hast Du überhaupt Zeit dazu, bei all diesen vielen Tätigkeiten?

 

Ich dusche morgens heiß-kalt, mindestens 5x hintereinander. Früher hab ich auch ein bisschen Krafttraining gemacht, aber nicht Bodybuilding, mehr Fitness. Das hab ich auch während meiner Zeit bei „Mamma Mia“ gemacht. Eigentlich müsste ich das auch hier machen, aber momentan bin ich dazu ein bisschen zu faul. Doch die Vorstellung hält mich fit. Ich war vor kurzem mal beim Arzt, weil ich zuviel Eiweiß gegessen hatte (Anm.: Cusch beisst auf der Bühne bei jeder Vorstellung in ein Hühnerbein) . Der hat dann Blutdruck gemessen 120:80 . Das ist bestens. Außerdem wohnen wir im 4. Stock und das ohne Aufzug, das hält auch fit, besonders wenn man mit 5-6 Einkaufstüten hochläuft.

 

Das komplette Interview gibt es in unserem Musicalfriends Magazin zum Nachlesen!

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