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Interview mit Kristin Hölck
Von der Königin zur Intrigantin
Wolltest Du schon als Kind zur Bühne? Und wie bist Du dann tatsächlich dazu gekommen?
Zunächst dachte ich, ich wolle Innenarchitektin werden, aber eigentlich war es Raumausstatterin. Ich habe im Kopf Wohnungen und Häuser eingerichtet. Ich habe sogar in selbst erdachten Städten gelebt. Aber da war ich noch sehr klein. Als mir klar wurde, was das alles nach sich zieht, hab ich mich nicht mehr darum gekümmert.
Ich hatte aber schon früh mit Musik zu tun. Ich habe mit 5 angefangen im Kinderchor zu singen, ohne Noten lesen bzw. überhaupt lesen zu können. Ich habe von den Lippen abgelesen. Als Kind hat es mir auch immer Spaß gemacht, mich zu verkleiden, aber ich habe dabei nicht daran gedacht, Schauspielerin zu werden.
Später dann war ich auf dem Musikgymnasium in Hamburg und da tendiert man dann schon eher in die Richtung. Wir mussten alle ein Orchesterinstrument spielen lernen. Ich habe Querflöte gelernt. Wir hatten ein Klassenorchester und auch einen Theaterzweig.
Es gab an der Schule ein sehr ausgeprägtes Interesse am Theater. Das alles wurde auch benotet und ist dann auch ins Abitur eingeflossen. Und natürlich habe ich da mitgemacht, weil es mich interessiert hat. Im Vorsemester ist man dann schon berufsorientiert und überlegt sich, was man einmal werden will. Ich habe erst überlegt, ob ich Querflöte studieren will, aber ich bin zu wenig interessiert an den musiktheoretischen Sachen. Dafür hab ich keinen Sinn.
Zu dieser Zeit hat mir eine Freundin einen Artikel gezeigt, in dem es um die Stage-School ging, die gerade neu eröffnet wurde bzw. sich umbenannte, denn eigentlich gab es diese Schule wohl schon länger. Das schien eine perfekte Verbindung zu sein: ich hab als Kind Kunstturnen gemacht, habe gesungen, und ich hatte mit Schauspiel zu tun. Das passte alles.
Ich hab meiner Mutter davon erzählt und sie sagte: wenn du das machen willst, dann fahren wir da hin, aber dann nimmst du auch Gesangsunterricht. Also eigentlich hat meine Mutter die Initiative ergriffen.
Also hatte sie nichts dagegen?
Nein, sie sagte, du bist so jung – man ist 19 wenn man Abitur macht – und die Ausbildung dauert 3 Jahre, wenn du dann entdeckst, dass das nichts für dich ist, dann bist du 22 und kannst immer noch anfangen zu studieren. Insofern hat sie mich sehr unterstützt.
Und da ich in Hamburg aufgenommen worden bin, bin ich auch dort geblieben und hab es nicht in Wien oder sonst wo probiert. Es war ideal.
Hat Deine Mutter auch etwas in Richtung Kunst gemacht. Gibt es noch andere Künstler in Eurer Familie.
Meine Mutter ist Hausfrau und Mutter von 5 Kindern. Aber in der zweiten Generation gibt es schon noch ein paar Künstler. Mein ältester Bruder hat sich jahrelang seinen Unterhalt als Saxophonist verdient, ist aber mittlerweile Jurist. Mein zweitältester Bruder ist Chemiker und schreibt nebenbei Drehbücher. Die „Kleinen“ sind noch nicht soweit, ihre künstlerische Ader entdeckt zu haben. Sie stecken noch mitten im Studium.
Was ist Deine Lieblingsrolle?
Von denen, die ich gespielt habe, ist es sicher „Elisabeth“. Als ich in die Ausbildung gegangen bin, kannte ich kein einziges Musical. Auch während dieser Zeit habe ich nicht viele kennen gelernt. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich damit ihr Leben lang beschäftigt haben. Mein erstes Engagement war „Les Misérables“ . Da kam ich hin, und fand die Musik schön. Heute kennt das jeder. Irgendwann hab ich dann von „Elisabeth“ gehört und dachte mir, das liegt meiner Stimme, das möchte ich gerne machen.
Und welche Rolle würdest Du gerne mal spielen? Was wäre Deine Traumrolle?
Also meine Traumrolle war „Elisabeth“. Das wäre erledigt (lacht).
Ich denke, ich würde gerne noch mal „Evita“ spielen. Ich habe schon relativ viel gespielt, aber ich warte immer auf neue Sachen.
Wie ist der Wechsel von der Königin – der Braven - zur Milady – der Intrigantin.
Brav ist die Königin auch nicht. Pflichtbewusst ja. Sie kämpft auch um ihre Ehe.
Aber die Milady ist schon ein anderes Kaliber!
Ja, aber nur auf andere Art. Die Königin muss auch Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen. Das muss Milady nicht. Aber beide haben ihre dunklen Seiten, wie wir alle unsere dunklen Seiten haben, Sachen, die man nicht so zeigt.
Aber Milady ist auch ganz anders angezogen. Es entspricht eigentlich nicht meinem Typ, dass ich so offenherzig rumlaufe. Aber irgendwie sind es alles Eigenschaften, die jeder von uns in sich trägt. Das ist das Schöne an dem Beruf, dass man das ausleben kann.
Hast Du auch eine dunkle Seite?
Hat die nicht jeder? Ich könnte zwar jetzt nicht sagen, welche das ist, aber ich bin überzeugt, das da eine ist. Wir alle haben doch unsere guten und unsere schlechten Eigenschaften.
Was ist Deine Stärke?
Auf der Bühne bin ich sehr diszipliniert. Manche würden sagen, dass das gar nicht so gut ist. Meine Stärke auf der Bühne ist auch, dass ich immer einen Level halten kann. Ich habe, glaube ich, nie Shows, von denen ich sagen würde, das war grottenschlecht. Es gibt natürlich sehr gute Shows und es gibt normale gute Shows. Und das halte ich für eine Stärke.
Privat ... (lachend) ach, da gibt es sicher auch ein paar! Ehrlichkeit und Treue, da steh ich total drauf. Das hört sich sehr mütterlich an.
Gibt es auch Schwächen?
Ich bin teilweise sehr gnadenlos. Gnadenlos auf der Bühne Kollegen gegenüber, die nur ihr eigenes Ding durchziehen ohne Rücksicht auf die anderen, ohne an die Geschichte, an das Stück zu denken. Ich selber habe auch gerne Spaß auf der Bühne, aber wenn ich das Gefühl habe, dass jemand damit das Stück ruiniert, dann bin ich gnadenlos.
Spaß haben ist schon wichtig, hab ich auch, sowohl auf der Bühne als auch privat, aber wenn darunter das Stück leidet und das Publikum das mitbekommt und merkt, dass das so nicht sein kann, dann verstehe ich keinen Spaß mehr. Man darf das Publikum nicht für dumm verkaufen. Die merken das. Es gibt natürlich immer Partner, mit denen man nicht so gerne spielt.
Gab es mal eine große Panne auf der Bühne?
Ach kleine Pannen passieren ständig. Aber ich kann mich an eine schöne Panne bei „Les Misérables“ erinnern. Da hat jemand bei so einem schnellen Kostümwechsel die Perücke falsch rum aufgesetzt, d.h. die ganzen langen Haare waren vorne. Und er kam als Bischoff wieder rauss und guckte ganz ernsthaft. Das war schon sehr komisch.
Na ja und viele kleine Versprecher gibt’s immer. Ich bin auch schon mal bei „Elisabeth“ hingefallen, so richtig schön, mit dem Reifrock, wo dann alles nach oben steht. Das war dann schon unangenehm. Aber noch schlimmer ist, wenn man Lachanfälle bekommt. Nachher schämt man sich zu Tode, aber man kann es in dem Moment nicht ändern.
Wobei das Publikum das ja meist auch komisch findet!
Die Frage ist halt, ob es passt. Wenn es eine ganz ernste Szene ist, aber die Darsteller, aus welchen Gründen auch immer, bekommen einen Lachkrampf, das ist unangenehm. Zum Beispiel in einer Sterbeszene. Das macht dann auch den Moment kaputt. Aber wir sind halt auch keine Roboter.
Und wie hältst Du Dich fit? Hast Du ein spezielles Programm?
Nein, eher nicht. Ich bin ja Stier, und Stiere sind eigentlich faul. Aber ich gebe mir schon Mühe und gehe ins Fitness-Studio, allerdings nicht täglich. Das ist ja, habe ich mir bestätigen lassen, ungesund. Ich gehe, je nachdem wie ich Zeit habe, 3 – 4 x die Woche. Wenn es weniger ist, ist es auch nicht schlimm.
Für die Rolle der Milady musstest Du auch fechten lernen. Wie ist das?
Fechten macht ganz viel Spaß, das ist wirklich toll. Aber es ist schon anstrengend, weil man ganz andere Bewegungen macht. Aber man gewöhnt sich daran. Die Muskeln werden trainiert und auch die Hände. Denn es ist ziemlich ungewohnt, den Degen zu halten.
Was machst Du in Deiner Freizeit?
Ich lese viel, meist so schön-geistige Dinge. Keine Krimis. Obwohl ich jetzt angefangen habe, diese Wallander-Bücher von Henning Mankell zu lesen. Da bin ich schon beim dritten Buch. Außerdem habe ich grade einen Italienischkurs gemacht. Ich versuche mich immer weiterzubilden. So ein bisschen in Richtung Heilpraktiker.
Ich mag sehr gerne „Kristin Lavranstochter„ von Sigrid Undset, einer Norwegerin. Sie hat sogar mal den Nobelpreis bekommen, allerdings nicht für dieses Buch. Nach diesem Buch bin ich auch benannt worden. Meine Mutter hat mir davon vorgeschwärmt und irgendwann hab ich es auch gelesen und fand es toll.
Wenn Du Urlaub machst, wo fährst Du am liebsten hin?
Ich mach am liebsten Skiurlaub. Ich bin kein Sommer-Mensch. Ich kann nicht lange am Strand liegen. Ich war jetzt seit langem im September mal wieder in Sommerurlaub. Aber für mich ist der wichtigste Urlaub im Winter. Ich mag die Berge, ich mag Schnee,. Ich muss mich bewegen. Und da ist man dann an der frischen Luft, macht Sport und ist abends todmüde. Das gefällt mir.
Wie ist Dein Verhältnis zu Fans?
Fans sind wichtig für eine Show, auch wenn es immer mal wieder Leute gibt, die aus dem Rahmen fallen. Das find ich schade, denn eigentlich sind Fans doch was tolles. Man wird unterstützt, da ist jemand, der sich dafür interessiert, was Du machst. Problematisch wird es dann, wenn auch die gnadenlos werden. Zum Beispiel, wenn es dann so ist, das es heißt: Du bist Fan von dem, dann find ich dich doof.
Aber eigentlich ist es doch eine tolle Sache, Fans zu haben. Es freut mich auch, denn es heißt doch, dass es den Leuten gefällt.
Wenn Du Dir was für die Zukunft wünschen dürftest, was wäre das?
Ich liebe meinen Beruf und ich würde es gerne mal schaffen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Das wünsche ich mir nicht nur, das weiß ich, dass ich das schaffe.
Du hast schon mal am Westend (London) gespielt.
Eigentlich gibt es keinen Unterschied. Es wird überall mit Wasser gekocht. Es war eigentlich ein bisschen enttäuschend. Ich kann mich an meine Premiere als Josephine erinnern und ich dachte, jetzt hab ich mein Westend-Debüt in einer weiblichen Hauptrolle und es fehlte dieses wahnsinnig aufregende Gefühl. Man denkt irgendwie, das muss jetzt „more special“ sein, aber es ist eine Show und die Kollegen sind, wie hier auch, manche gut, manche weniger gut. Die Arbeitsatmosphäre ist ein bisschen anders. Da gibt’s so was wie eine Kantine nicht. Es ist sehr schwer für die Leute da, einen Job zu bekommen. Und wenn sie keinen bekommen, dann arbeiten sie auch an der Garderobe, im Büro oder an der Kasse.
Wie ist das Publikum da? War es britisch „cool“?
Nein, so habe ich das nicht empfunden. Sie haben das Stück sehr gut aufgenommen, obwohl wir schlechte Kritiken hatten, weil es ja immer noch so ein bisschen eine alte Feindschaft zwischen Engländern und Franzosen gibt. Leider ist die auch heute noch aktuell. Aber es gab eine Spendenaktion, wo wir im Publikum waren und ein super Feedback hatten.
Fühlst Du Dich hier in Berlin zuhause oder doch eher in Hamburg?
Ich bin und bleibe Hamburgerin! Aber ich mag Berlin. Die Stadt ist ein bisschen zu groß für mich, aber daran muss man sich gewöhnen. Berlin ist sehr spannend, denn man kann immer wieder was Neues entdecken.
Vielen Dank für das Gespräch und toi, toi, toi für die Premiere als Milady de Winter.
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